Obama und das Protokoll
Dieses Foto hat in den Vereinigten Staaten stürmische Proteste ausgelöst. Von Pfadfindern bis zu Veteranenverbänden, von Republikanern bis zu den "Töchtern der Revolution" Millionen von Amerikanern haben sich vom ungewöhnlich tiefen, ihrem Empfinden nach unangebrachten, würdelosen Kotau ihres Präsidenten vor dem Tenno beleidigt gefühlt.
Sprecher des Präsidenten beeilten sich zu erklären, Barack Obama wollte nur dem japanischen Hofprotokoll gerecht werden. Schon vor Monaten geschah jedoch Ähnliches, nämlich als sich der amerikanische Präsident vor Abdullah, König von Saudi-Arabien, verneigte. Nur war damals sein Kotau nicht so tief. Es handelte sich ja nur um einen König, nicht gleich um einen Kaiser!
Obamas Verhaltensweise hat de facto wenig mit dem einen oder anderen Hofprotokoll zu tun. Vielmehr handelt es sich hier um eine tiefenpsychologisch bedingte Reaktion. Die Lage in die er geriet, als er dem Tenno entgegentrat, ließ unter größtem emotionalen Druck für einen Augenblick die rationalen Kontrollen zurückdrängen und mit ihnen die Pflicht, die Würde seines eigenen Vaterlandes, das er hic et nunc repräsentierte, zu bewahren. Die Heftigkeit der momentanen Emotion ließ ein bis dahin unbewußtes Dankbarkeitsgefühl hochkommen: Der narzissistische Mann Obama stand auf Augenhöhe vor einem leibhaftigen Kaiser (und dessen Gattin). Eine einzigartige Bestätigung seiner sozialen Erfüllung an der Spitze der sozialen Hierarchie. Seine Körpersprache brachte zum unbewußten Ausdruck das überwältigende Gefühl, er habe quasi seinen eigenen genetischen Kodex überwunden.
Ein jämmerliches Bild.
Ivan Denes