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Erlebnisbericht vom 17. Juni 1953
1938 wurde ich in Leipzig geboren. Als heute 70jähriger weiß ich: Es sind oft die negativen Ereignisse, welche sich im Gedächtnis einbrennen. Besonders intensiv erlebe ich in Gedanken immer wieder den 17. Juni 1953.

Wir wohnten damals in der Nikolaistraße 12-14 unmittelbar neben der Nikolaikirche. Mein Vater war in dem großen Doppelhaus Hausmeister. Die Dienstwohnung lag im fünften Stock, was uns zum Ende der Ereignisse eine gute Beobachtung ermöglichte.

Es war gegen acht Uhr morgens, als wir über das offene Fenster ein unbestimmtes, anschwellendes Geräusch aus Richtung Augustusplatz, dem damaligen Karl-Marx-Platz, vernahmen. Seit Tagen schon lag Unmut in der Luft: die Menschen sprachen über bevorstehende Erhöhungen der Arbeitsnormen und über Versorgungsprobleme. Es bildeten sich auch auf Straßen und Plätzen verschieden große Gesprächsgruppen, in denen heftig über mögliche Reaktionen auf die staatlichen Repressalien diskutiert wurde. Aus heutiger Sicht gab es keine einheitliche Lenkung, und so kam es zu spontanen Kundgebungen, die sich zum großen Teil vereinten und in Richtung Augustusplatz zogen.

Normerhöhung

Die vielstimmigen Parolen der Demonstranten waren es, die uns aufmerksam machten und so eilte ich mit meinem Vater ebenfalls zum Augustusplatz. Einige Redner der Demonstranten bekräftigten die Forderungen nach Rücknahme der Normerhöhungen, ich kann mich auch entsinnen, Forderungen nach Redefreiheit und freien Wahlen vernommen zu haben.

Da kein Programm bestand, löste sich die Demonstration in verschieden große Gruppierungen auf, die ihren Unmut besonders an den Schaltstellen der DDR-Ideologie abreagierten.

Eines der ersten Ziele war der in Holzbauweise errichtete „FDGB Pavillon“ am alten Rathaus. Das Gebäude der DDR-Einheitsgewerkschaft wurde abgefackelt. Auch im Ernst-Thälmann-Haus, der SED-Zentrale, wurde Feuer gelegt.

In der FDJ-Zentrale

Von meinem Vater getrennt, beteiligte ich mich an der Zerstörung des Inventars der FDJ-Kreisleitung in der Ritterstraße. Wir waren etwa sechs bis acht Personen und haben das gesamte Aktenmaterial und einen Teil des Mobiliars aus den Fenstern der oberen Stockwerke geworfen. Von unten stehenden Demonstranten wurde der Müll dann abgebrannt.

Ein Ereignis ist mir noch in besonderer Erinnerung. Wir konnten von oben beobachten, wie ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei vorfuhr. Die auf der Straße versammelten etwa 250 Personen begannen sofort den mittelgroßen LKW in immer stärkere Schaukelbewegungen zu versetzen. Die aufgesessenen Uniformierten sprangen ab und suchten unbehelligt, aber begleitet von „Pfui“-Rufen, das Weite.

Was würde Angela Merkel sagen?

Ich hatte eben erst auf der Lehrstellensuche meine negativen Erfahrungen mit der Jugendfreundlichkeit der DDR gemacht. Trotz guter Noten und Befürwortung durch die Lehrkräfte wurden meine Bewerbungen als Porzellanmaler und später als Spielzeugmacher (Drechsler/Schnitzer) abgelehnt. Als Ursache ist wohl eine Spalte in dem Bewerbungsbogen zu nennen, in der nach der Parteizugehörigkeit des Vaters vor 1945 gefragt wurde. Als städtischer Hausverwalter war mein Vater vor 1945 wie alle öffentlich Beschäftigten in der offiziellen Staatspartei, und so konnte ich meine Träume begraben.

Noch heute erfüllt mich daher meine Tat in den FDJ-Räumen mit Befriedigung, was unserer Kanzlerin, der ehemaligen FDJ-Funktionärin, vielleicht nicht verständlich wäre.

Von der Ritterstraße ging es weiter in Richtung Springerstraße. Irgendjemand hatte die Parole ausgegeben, über die örtliche Sendeanlage die Bevölkerung zu mobilisieren. Wir fanden das Gebäude unverschlossen und menschenleer vor. Von dem Personal war niemand mehr anwesend, und so scheiterte unser Vorhaben an mangelnden technischen Kenntnissen.

Verletzte und Tote

Über den Ring und das neue Rathaus ging es wieder zurück in das Zentrum. Unser neues Anliegen war zu versuchen, politische Häftlinge aus dem Polizeigefängnis hinter dem damaligen Dimitroff-Museum zu befreien.

Auch dieses Vorhaben scheiterte, da der Eingang mit doppelten Gittertoren gesichert war und auf den Versuch, die Tore gewaltsam zu öffnen, von innen scharf geschossen wurde. Ich kann mich erinnern, daß zwei bewusstlose oder leblose männliche Personen an mir vorbeigetragen wurden, ich weiß noch wie geschockt ich war, als ich eine Blutspur sah.

Nach heutigen Erkenntnissen kann man in Leipzig von sieben Toten und etwa 120 Verletzten ausgehen. Die Zahl der in den folgenden Tagen Verhafteten und Verschleppten dürfte in die Hunderte gehen. Aus Angst nach Sibirien verschleppt zu werden hat mein Vater nie wieder darüber gesprochen.

Einsatz der Sowjetpanzer

Was mir bis zu meinem Tode unverständlich bleiben wird ist, daß die ideologischen Nachkommen jener, die auf uns schießen ließen, in zunehmendem Maße in gehobenen Positionen des heutigen deutschen Staates zu finden sind.

Zwischen 13 und 15 Uhr beendete das sowjetische Militär durch massiven Einsatz von Panzern und Mannschaften die Aktivitäten der Demonstranten. Ein besonders bedrückendes Abschlußbild hatte ich vom Fenster der Dienstwohnung meines Vaters im fünften Stock. Vater hatte das Scherengitter an der Toreinfahrt des Geschäftshauses geschlossen, die Straße war menschenleer, und so glaubte sich der russische Offizier auf dem offenen Mannschaftswagen wohl unbeobachtet, als er einen auf der Ladefläche liegenden Zivilisten hemmungslos mit den Stiefeln bearbeitete.

Eine deutsche Hoffnung endete buchstäblich unter den Stiefeln des russischen Militärs.

Dieses Bild war prägend für meine spätere stetige Weigerung in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft einzutreten. Mein Argument war: Die Sowjets sind unsere Brüder, nicht unsere Freunde. Einen Freund kann ich mir aussuchen, einen Bruder nicht. Solange ich lebe, wird an jedem 17. Juni an meinem Grundstück das deutsche Schwarz-Rot-Gold zu sehen sein und eine schwarze Schleife wird an die Opfer erinnern.

Klaus Grünert, Söllichau

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